Michael de Molinos stammte aus einer vornehmen Familie in Aragon (Spanien), am 21. Dezember 1627 geboren, studierte Theologie und veröffentlichte im Jahre 1657 sein Buch, welches innerhalb von sechs Jahren in zwanzig Auflagen erschienen, in verschiedene Sprachen übersetzt wurde und dessen Inhalt es klar machte, daß der Mensch Gott vor allem in dem eigenen Innern und nicht in äußerlichen Dingen suchen soll. Vielleicht läßt sich dies wie folgt zusammenfassen:
»Wenn Gott, wie jeder Christ zugeben muß, alleinig, allgegenwärtig und in allen Dingen das höchste und wahre Wesen ist, so ist er auch unser wahres und höchstes Selbstbewußtsein, welches ewig, allumfassend und grenzenlos ist, und es bedarf keines äußeren Vermittlers zwischen uns und unserem wahren Selbstbewußtsein, sondern es handelt sich nur darum, dieses in uns schlummernde Gottesbewußtsein erwachen und sich entfalten zu lassen, was durch den Einfluß der göttlichen Gnade (dem heiligen Geiste der Selbsterkenntnis) geschieht. Hierzu ist es vor allem nötig, das Herz und die Gedanken rein von allem Eigendünkel, Leidenschaften und selbstsüchtigen Begierden zu halten. In einem liebevollen und geläuterten Herzen offenbart sich die Wahrheit von selbst. Priester und Lehrer können uns nur Führer zum Lichte sein, nicht aber die göttliche Gnade an uns verschenken oder gar verkaufen.«
Es versteht sich von selbst, daß diese Lehre, so sehr sie auch der Wahrheit entspricht, nicht geeignet war, die kirchlichen Interessen zu fördern und dem Handel mit Sakramenten und Ablässen Vorschub zu leisten. Tatsächlich wurden die Anhänger von Molinos weniger oft in den Kirchen gesehen und waren weniger bereit, Geld für Messen zu bezahlen oder ihr Vermögen der Kirche zu opfern. Dieser Zustand konnte nicht länger geduldet werden. Wenn die Menschen direkt zu Gott gingen, anstatt die Vermittlung der Priester zu suchen, so würde das Einkommen der Kirche bedeutend darunter leiden. Deshalb wurde Alarm geschlagen und gesagt, daß die Religion (welche das Volk so leicht mit kirchlichen Interessen verwechselt) in Gefahr sei, und so wurde Molinos gefangengesetzt und verfiel der Inquisition. Daß er nicht lebendig verbrannt, sondern „nur“ lebenslänglich eingekerkert wurde, hat er wohl allein der Furcht seiner Feinde vor seiner großen Popularität zu verdanken.
Diese Hefte schildern den geistigen Weg eines jeden ernsthaft sich darum bemühenden Christen in aller Konsequenz.